Über Scham, Vulvas, Vaginas und das „über den eigenen Schatten Springen“

Was für ein Titel, oder?
Kennt Ihr das, wenn Ihr Euch x-Mal überlegt, ob Ihr etwas auch wirklich teilen, wirklich schreiben wollt/könnt? Wenn da diese Innere Stimme ist, die Euch fast anzuschreien scheint: „Oh mein Gott! Das kannst Du auf gar keinen Fall tun! Bist Du bekloppt? Das ist doch beschämend! Für Dich selbst kannst Du das ja gut finden, Du kannst ja dieses und jenes dazu denken,  aber das kannst Du doch niemals in der Öffentlichkeit posten!!!“

Auf Facebook ist mir gestern ein kleiner Artikel mit einem Video unter gekommen, das mich, für mich völlig unerwartet, in mehrfacherer Weise ganz stark berührt, und so einiges bei mir in Bewegung gebracht hat.
Es ist der Artikel: „Your vagina is more beautiful as you think“ von der Seite Uplift, das dieses Video enthält:

Worüber ich mir sicher bin:
Sowohl beim Lesen der Überschrift meines Postings, als auch beim Lesen des Artikels und des Sehens des Video-Standbildes, um das es geht, wird es etlichen von Euch Leserinnen und Lesern genau so gegangen sein, wie mir:
Das Gefühl von Unbehagen. Vielleicht einer seltsamer Berührtheit. Ablehnung. Scham.

Ich habe mir nach dem ersten „Schreck“ (und ja, so blöd, wie es vielleicht klingen mag, für mich war es eine Art „Erschrecken“), über meine eigene Reaktion, das Video angesehen.
Das Video hat mich, wenn ich ganz ehrlich bin, ziemlich erschüttert.
Und mir mit einer ziemlich schmerzhaften Klarheit vor Augen geführt, wo ich noch ein unglaublich starkes Thema sitzen habe, das für mich problematisch ist.
Und ganz offen geschrieben: Ich hab ganz schön geheult.
Zum Glück war mein Stern nicht da… Ich hätte mich dann wohl in Grund und Boden geschämt…
HA! Und wieder den Inneren Zensor erwischt!
Aber dazu schreibe ich dann später etwas mehr.

Und dann kam die Frage,
ob ich das tatsächlich für alle lesbar
teilen
sollte/konnte?

Interessanter Weise hatte das Ganze noch einen ganz anderen Erkenntnis- und Lerneffekt für mich parat, als es dann an die Idee ging, diesen Link auf Facebook weiter zu teilen.
Meine erste Reaktion, nachdem ich das Video gesehen hatte, und wieder etwas bei mir angekommen, war:
„WOW! Starkes Video! Respekt vor diesen starken und wundervollen Frauen. Respekt vor ihren ebenfalls wundervollen Männern!“
Was mich aber dann doch erstaunte und sehr irritierte war, das ich diese starke Video erst gar nicht teilen wollte!
Der Gedanke daran überschwemmte mich ziemlich heftig mit Gefühlen der Scham. Mit einem Gefühl von „Sowas kannst Du unmöglich teilen! Was sollen denn andere von Dir denken! Was ist wenn Du deren Schamgefühl verletzt? Wenn Du damit auf Ablehnung stößt?“ Mit einem Gefühl der Peinlichkeit.
Was mich neben diesen Gedanken und Gefühlen eigentlich am meisten aufschreckte, war die Erkenntnis, das ich in mir tatsächlich auch solche Gedanken fand:

  • „DARÜBER (also über die-Nein! Ich schreibe jetzt ganz bewusst- meine und unsere (!) Genitalien, über meine und unsere Vulva/s und Vagina/s) spricht „man“ nicht! Das kann  „man“ vielleicht hinter vorgehaltener Hand in einem auserwählten Kreis tun, aber auf gar keinen Fall in der Öffentlichkeit!“,
  • „Das ist ja ekelig/gräßlich/peinlich/schamlos…!“ (Dieser Gedanken hat mir ganz schön den Atem geraubt!)
  • „Du kannst anderen diese Bilder gar nicht zumuten!“

Nach einigem Hin und Her, habe ich den Beitrag dann doch mit einigem Herzklopfen geteilt.-Ohne einen Kommentar von mir dazu.
(Bietet man ICH ja weniger Angriffsfläche 🙄 )
Doch das Thema hat mich nicht einfach nicht in Ruhe gelassen.
Im Gegenteil.

Manchmal ist das, was Dir Angst einjagt,
genau das,
was Du tun solltest!
– unbekannt

Wie Ihr seht, habe mich doch überwunden diesen Artikel zu schreiben.
Gerade WEIL (mir) dieses Unbehagen, und ja, auch Angst bereitet, und es mit einem starken Gefühl von Peinlichkeit und Scham behaftet ist.
Ich denke, ich werde da nicht die Einzige sein, sondern es wird genügend Frauen geben, denen es ähnlich ergeht wie mir, oder denn es so erging.

Bild von Facebook 2014

Die Folge der Beschäftigung mit dem, was der kleine Artikel bei Uplifting und, noch mehr, das enthaltene Video bei mir an Gefühlen und Gedanken auslösten, konnte für mich einfach nur sein, zu schreiben und das mit anderen zu teilen.
Ich halte mich im Großen und Ganzen eigentlich für eine (relativ 😉 ) erwachsene Frau.
Ich liebe meinen Körper und fühle mich in mir unglaublich wohl.-Mein(t)e ich eigentlich.
Doch meine Reaktion auf das Video hat mir in ziemlich heftiger Deutlichkeit gezeigt:
Das ist offenbar doch nicht ganz so wahr, wie ich es gern hätte, bzw. gedacht habe!

Es gibt halt dieses „Das da unten“. *Gruselmusik* 😉
Es gibt Lust. Es gibt Freude an der Hingabe. Es gibt Sexualität.
Alle Dinge, die mit Vulva und Vagina zu tun haben, und die in mir, so wie wohl in anderen Frauen und Männern, die verschiedensten, ja widersprüchlichsten Gefühle, Gedanken und Assoziationen hervorrufen.
Die Frauen in dem Video spiegeln mir sehr deutlich einen Teil der Gefühle, die ich selbst in ähnlicher Weise empfinde, obwohl mir das überhaupt nicht bewusst gewesen ist!
Diese Erkenntnis war (und ist) verdammt schmerzhaft.
Sie hat mich getroffen, wie ein Blitz!

Was mich völlig aus dem Konzept brauchte und erschütterte war die Erkenntis, das meine Selbstliebe und – akzeptanz quasi „unterhalb der Gürtellinie“ aufhört. 😯
Alles, was sich „unterhalb“ befindet, ist mit sehr diffusen Gefühlen und Gedanken verbunden.
Wobei sich die „unschönsten“ davon tatsächlich auf meinen Intimbereich beschränken, den ich offenbar eher objektiviert, bzw. professionalisiert habe, um mich mit ihm beschäftigen zu können.
Ich kann ihn zwar als zu mir gehörig betrachten, aber offenbar scheine ich ihn nicht wirklich als einen (wichtigen) Teil von mir wahrzunehmen…
Klingt ziemlich schräg, oder?  Aber mir fällt grade keine bessere oder treffendere Beschreibung für dieses seltsam-diffuse Gefühl ein.

Während ich dies grade schreibe, meldet sich natürlich mein Innerer Zensor wieder, der mir gradezu ins Ohr „brüllt“:
Dieser Scheiß intressiert doch niemanden! Halt bloß Deine Klappe! Du machst Dich zum Affen!“ 😯

Ja, natürlich verunsichert mich sein Gebrüll.
Doch noch mehr stelle ich grade fest, dass mich genau das ärgert und wütend macht!
Ich habe keine Lust mehr darauf, dieses Schamgefühl und diese komische Angst zu empfinden, wenn ich mich mit diesem Thema beschäftigte.
Wenn ich mich mit mir und und meinem Körper beschäftige!
Ich möchte nicht länger Scham, Schuld, Peinlichkeit oder ähnliches empfinden, wenn ich mich mit meiner Weiblichkeit, beschäftige!

Was mich mit einen erschreckten Erkennen aufrüttelte war, das mir diese Gefühle und Gedanken bisher gar nicht so bewusst waren!
Und ich empfinde grade eine etwas unerklärte Wut darüber.
Wie gesagt, ich hielt mich eigentlich für eine erwachsene, aufgeklärte Frau, die sich in ihrem Körper wohlfühlt, und schon so einige ihrer „Schatten“ bearbeitet hat(te).
Und schließlich arbeite ich als Physio-und Lymphtherapeutin tagtäglich am und mit dem menschlichen Körper, und da ggf. auch im Intim-Bereich.
Vielleicht war die Ausbildung zur Physiotherapeutin ja für mein Unterbewusstsein DIE Gelegenheit, unbequeme, unangenehme und peinliche Dinge in eine bequemere und angenehmere Schublade zu stecken, was deswegen zu diesem „distanzierten Verhältnis“ zu meinem Intimbereich führte? Who knows?

Und ich weiss nicht, was mich mehr „ärgert“:
Das mir das nicht vorher bzw. früher bewusst wurde, oder das ich dem erlaubte, mein Leben und auch meine Meinungsäußerung(en) derart zu bestimmen und zu beeinflussen.
Es bleibt ja nicht nur bei dem etwas… „seltsamen“ Verhältnis zu den eigenen inneren und äußeren Geschlechtsteilen, sondern es setzt sich ja bis zum schambehafteten Verhalten gegenüber des eigenen Lebensgefährten fort.
Was für ein Irrsinn! *Kopfschüttel!*

Wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst bin, dann gab/gibt es ja genügend Hinweise dafür, dass da noch was verborgen war/ist.
Peinliche Berührtheit bei und Ablehnung von Themen, die sich um (weibliche) Sexualität, den weiblichen Körper, ja sogar um weibliche Spiritualität drehen z.B.
Aber wenn ich mich mit diesen Gefühlen auseinandersetzte, dann kamen andere Themen bei raus, weswegen ich doch recht schockiert, irritiert und von der Rolle bin, dass das eigentliche Problem ganz woanders liegt!
Es ist eigentlich eine überflüssige Frage, aber ich hab mir ja vorgenommen, in diesem Artikel einfach mal unzensiert zu schreiben, was mir im Kopf herumspukt:
Warum sind mir da nicht schon früher die Schuppen von den Augen gefallen?
Warum habe ich vorher nicht die Möglichkeit gehabt, so tief runter zu gehen und dahin zu sehen?

Nun… Vielleicht war einfach noch nicht die „richtige Zeit“ dafür, mich damit auseinander zu setzen.
Das weiß vermutlich nur die Göttin.

Patriarchale Denkweisen?!

Wer mich etwas länger kennt, der weiss, dass ich das so inflationär ge- (und m.E. leider zu häufig auch miss-)brauchte Wort „patriarchal“ mittlerweile einfach zum Kotzen finde, und ich es nach
Möglichkeit vermeide, in den Kategorien „böses Patriarchat“-„gutes Matriarchat“ zu unterteilen und zu denken.
Dafür habe ich leider in der Vergangenheit einfach zu viele „schlechte“ Erfahrungen mit Vertreterinnen der „Matri*-“ und Feministinnen-Szene gemacht, die mich einfach abgeschreckt und abgestoßen haben.

Für mich ist es (eigentlich) egal, von welcher Gesellschaftsform welche Denk- und Verhaltensmuster stammen.
Ich denke nicht, dass ein Wechsel von der einen in die andere Gesellschaftsform die Probleme ändern werden.
„Wir“ Frauen sind über die Jahrhunderte und z.T. Jahrtausende von unserer Umwelt geprägt worden.
Uns steckt das Patriarchat vermutlich tiefer in unserer Seele, unseren Gedanken und Verhalten, als das (re-)konstruierte Matriarchat.
Ich glaube nicht, dass ein Matriarchat HEUTE, mit den heutigen Frauen in unserer heutigen westlichen Welt, funktionieren kann, denn, dazu steckt das vermeintlich „patriarchale Verhalten“ so tief im Unterbewusstsein und unseren „Zellen“, dass es Frau z.T. gar nicht bemerkt.
Zumindest die Begegnungen, die ich hatte, und was ich so beobachten „durfte“, lässt mich diese Schlussfolgerung ziehen.
Damit ein derartiges „weibliches Alternativ-Modell“ funktionieren kann, müssten einerseits erst mal alle Frauen wirklich „wach“ sein, zum anderen müsste erst mal klar sein, ob eine Gesellschaftsform, die auf MÜTTER (statt in ihrer Gesamheit auf FRAUEN) basiert, tatsächlich die Form ist, die „bei uns“ heute tatsächlich den gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht…
Ich weiss, dass ich mir da vermutlich einiges an „Bashing“ abholen kann, aber das ist mir ehrlich gesagt herzlich egal.
Und letzlich ist das hier ja auch gar nicht das Thema. 😉

Fakt ist allerdings:
Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der ich die Beziehung zum weiblichen Körper und zur Weiblichkeit an sich als sehr… zwiespältig erlebte. Einerseits durch den starken, männlich geprägten christlichen Glauben, andererseits, so vermute ich heute, spielte halt auch einfach die eigene Erziehung und auch das Erleben meiner Eltern eine Rolle.
Und es kommt „natürlich“ auch noch der sexuelle Missbrauch durch einen Onkel hinzu, als um die acht Jahre alt gewesen bin.
Die Zweispältigkeit bestand z.B. darin, dass mir „natürlich“ einerseits vermittelt wurde, das wir Frauen und unsere Körper „unrein“ und „schändlich“ sind, das Sexualität (außerhalb der Ehe) etwas schlechtes ist, und das Frau, so sie denn unverheiratet einen Freund hatte, mit dem sie sexuell verkehrte, natürlich eine leichtes Mädchen (=eine Hure) sei, was natürlich ein „Gräul“ war.
Auf der anderen Seite wurde mir vermittelt, dass ich mich „attraktiv“ machen musste,  z.B. im Job.
Als Frau hatte man halt besonders durch sein Aussehen und Auftreten zu bestechen.
Aber ja nicht zu viel Schminke und ja nicht die falschen Klamotten tragen, weil Frau dann gleich wieder zur „Hure“ werden konnte. 🙄
Der Grad zwischen Schlampe/Hure und „braven Mädchen“ war immer ziemlich schmal.
Alles im allem ein etwas schwieriges Klima, um ein gesundes Körper- und Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Wie gesagt, zum größten Teil habe ich es glücklicher Weise geschafft… Und dennoch…
Warum und wie sich das Gefühl entwickelte, dass „da unten“ alles schlecht, ekelig, peinlich, schmutzig usw. ist…
Kann ich für mich gar nicht sagen… Vielleicht werd ich da noch ran kommen… Vielleicht auch nicht.
Vielleicht spielt es aber auch gar keine Rolle?

Zufälle gibt es nicht!

Was jetzt auch letztlich auch immer alles für das Entwickeln und „Einsetzen“ diverser verschiedener Denk- und Vorstellungsmuster verantwortlich ist… Das spannende Abenteuer wird jetzt sein, mir das in Ruhe anzugucken, und Heilung geschehen zu lassen.
Als wenn es so sein sollte, las ich vor diesem Artikel (mal wieder) vom „Weltweiten Womb Blessing“ auf FB.
Zwar hatte ich mich das in der Vergangenheit schon immer angesprochen… Aber bisher hatte ich mich davor… sagen wir… „gedrückt“.
(Hmmm… Memo an mich selbst: Ich sollte mir dringend noch mal genauer angucken, wovor ich mich so drücke. Wovor ich einen Rückzieher mache, bevor ich ihm auch nur überhaupt eine Chance gebe…)

Diesmal hab ich allerdings Mal auf mein Gefühl gehört, und habe mich einfach mal dafür angemeldet.
Ich bin gespannt, und freue mich auch dadrauf.
Umso spannender finde ich jetzt allerdings, das eine derlei Thematik „ausgerechnet“ jetzt auftaucht.
Aber vielleicht soll es auch einfach so sein. Wie gesagt:“Zufälle gibt es nicht.“ 😉
Ich werde Euch bestimmt davon berichten.

So, nachdem ich jetzt diesen langen Artikel geschrieben habe, geht es mir erstaunlich gut. Ich habe ein wenig das Gefühl, eine „Kette“ abgestreift zu haben.
Auch wenn ich jetzt grade etwas Herzklopfen habe, wenn ich daran denke, auf das „Veröffentlichen“-Knöpfchen zu drücken…
Es hat (etwas) seinen Schrecken verloren, meine Gedanken und Gefühle zu diesen Themen zu äußern 😀

Ich wünsche allen, denen es ähnlich ergeht wie mir, dass sie es ebenfalls schaffen, ihre Stimme zu finden und laut auszusprechen, was sie bewegt.
Scham ist ein durchaus gesundes und wichtiges Gefühl, doch wir sollten uns aus Scham, gepaart mit Angst nicht unser Leben bestimmen lassen <3

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein ermächtigendes Wochenende.
Viele Grüße und seid gesegnet.
Siat

 

Gefunden auf FB 2012

*  dies ist einfach nur der Einfachheit halber so geschrieben, weil es mir grad zu mühsam ist, alle Facetten niederzuschreiben, die mit „matri-“ in Verbindung stehen.
Ich umfasse damit matriachal ebenso wie matrilinial, matrifocal… Und was es vielleicht in der letzten Zeit sonst noch so entwickelt haben könnte.

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